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12.09.2021 14:22 Alter: 79 days

Die Kolonialisierung der Vergangenheit


Aufruf zu Beiträgen

Theme: Die Kolonialisierung der Vergangenheit
Type: Interdisziplinärer Workshop
Institution: Goethe University Frankfurt am Main
Location: Frankfurt am Main (Germany)
Date: 17.3.–18.3.2022
Deadline: 15.9.2021



Erbeten werden bis zum 15. September 2021 Beitragsvorschläge für
einen Workshop am 17. und 18. März 2022 an der Goethe-Universität
Frankfurt am Main, der sich aus interdisziplinärer Perspektive mit
der modernen Vergegenwärtigung von vergangenen Epochen der
Menschheits- und Erdgeschichte beschäftigen und diese als Formen der
Kolonialisierung von Vergangenheit durch die jeweilige Gegenwart
diskutieren wird.

Die Kolonialisierung der Vergangenheit

Die Vergangenheit ist etwas Gegebenes – die Vergangenheit ist etwas
Gemachtes. Sie ist zum einen eine Abfolge von Ereignissen, auf die
wir wie Walter Benjamins Engel der Geschichte blicken, während wir
uns vergleichsweise blind rückwärts in unsere noch nicht ereignete
Zukunft bewegen. Zum anderen aber führt die „Entdeckung der
Vergangenheit“ (Schnapp 2009), speziell auch der Ur- und
Frühgeschichte des Menschen sowie der Erdgeschichte, und der
„Vergangenheit selber“ (Koselleck 1989, 191) als funktionalisierbarer
temporaler Raum in der Moderne auf einen immensen, in weiten Teilen
‚dunklen‘ Kontinent. Die Entdeckung und Eroberung dieses
(tiefen-)zeitlichen Kontinents ist der Entdeckung und Eroberung
anderer Kontinente im Raum nicht unähnlich: Die Vergangenheit ist
etwas, das wir untersuchen – erkunden, vermessen, kartographieren,
chronologisieren, kategorisieren –, imaginieren und vielfach auch
instrumentalisieren wie ein unbekanntes Land. Sie ist uns fremd, und
diese Fremde fordert den Menschen dazu heraus, sie zu entfremden,
verständlich zu machen, aber auch: im Sinne einer modernen Geschichte
zu erobern und sie durch ihre Aneignung als eigene Ur- und Vorzeit zu
beherrschen. Und diese Vergangenheit bietet auch dort noch ein weites
Betätigungsfeld, wo der Verlust der letzten weißen Flecken auf der
Landkarte lautstark beklagt wird. In The Lost World (1912), Arthur
Conan Doyles verspätetem Exkurs ins Genre der ‚Imperial Romance‘,
stößt eine Reisegesellschaft aus London auf einem Hochplateau im
Amazonasbecken auf den aus der Welt verschwunden geglaubten „room for
romance“ (Doyle 2008, 10): Eine ‚Maple White Land‘ getaufte Urwelt,
die abgeschnitten von der restlichen Welt die Zeiten überdauert hat,
ermöglicht die Fortführung kolonialer Praktiken über das Ende der
Kolonialzeit hinaus.

Die Suche nach Vergangenheit lässt sich, versucht man wie Alain
Schnapp eine Wissensgeschichte der Archäologie zu schreiben, bis in
die Antike verfolgen. Bei Platon taucht ein erster Begriff von
Archäologie auf: als Suche nach der Vergangenheit, die archaiologia
als „Erzählung der Ursprünge“ (Schnapp 2009, 10). Diese Suche
produziert mit ihren chronologischen Reihungen und der Interpretation
der Bedeutungen von Ereignissen und Kontinuitäten in Reinhard
Kosellecks Sinn ‚Fiktionen‘, die den vielfältigen Bedürfnissen der
jeweiligen Gegenwart entsprechen, besonders dort, wo „die
Vergangenheit als solche nicht mehr wiederherstellbar“ ist, weil sie
sich in der Tiefe der Zeit verliert und man daher gezwungen wird,
„den fiktiven Charakter vergangener Tatsächlichkeiten anzuerkennen“:
„Gemessen an der Unendlichkeit vergangener Totalität, die uns als
solche nicht mehr zugänglich ist, ist jede historische Aussage eine
Verkürzung“ (Koselleck 1978, 379). Gerade diese ‚tiefe Zeit‘ rückt um
1800 in den Fokus des Nachdenkens über die Vergangenheit (Gould 1987;
Schnyder 2012; Richter 2005), die es ‚aufzudecken‘ gilt. Diese
Aufdeckung basiert auf einer doppelten Vergegenwärtigung von
vergangenen Zeiten: Erstens besteht das deutliche epistemische
Bedürfnis, diese Vergangenheit(en) in bester
praktisch-hermeneutischer Manier in einer aneignenden Geste aus dem
Dunkeln des unbekannten Fremden ans Licht des verstandenen Vertrauten
zu befördern und sichtbar zu machen (Polaschegg 2005, 51; Gadamer
1976, 32). Die vergleichende Vergegenwärtigung bringt Licht ins
Dunkel der Zeit: "The past is the present in the sense that our
reconstruction of the meaning of data from the past are based in
analogies with the world around us“ (Hodder 1982, 9). Zweitens
entspringen aber bereits die Tätigkeiten des Auffindens und
Interpretierens von Fundstücken und Artefakten, von Monumenten und
Quellen ihrer so und nicht anders beschaffenen Gegenwart. Diese
Vergegenwärtigung mittels Praktiken setzt folglich ein, noch bevor
das von ihnen Aufgedeckte im Rahmen der zeitgenössischen
Theoriebildung der mit der Vergangenheit befassten Geschichts- und
Kulturwissenschaften auf ihre ‚Bedeutung‘ hin befragt werden kann.
Die Geschichte ist, wie Koselleck schreibt, „bedingt von den Wünschen
und Plänen sowie den Fragen, die dem Heute entspringen. Der
Erfahrungsraum der Zeitgenossen bleibt das erkenntnistheoretische
Zentrum aller Geschichten“ (Koselleck 1989, 185).

Wir wollen uns in diesem Workshop mit der Doppelfigur der
Vergegenwärtigung befassen, wie sie sich (spätestens) seit 1800 auch
als Kolonialisierung der Vergangenheit durch die (jeweilige)
Gegenwart verstehen lässt. Dabei ist die Kolonialisierung unter
Berücksichtigung der Breite ihrer Bedeutungen ebenfalls als
Doppelfigur denkbar: An einem Ende dieses Spektrums steht eine
Besiedelung der Vergangenheit durch ihre Geschichte und Geschichten,
die im Verlauf ihrer Durchdringung hinab in tiefste Zeiten entstehen;
am anderen eine machtpolitische Besetzung dieses ‚dunklen‘ Kontinents
mit den je unterschiedlichen Interessen der jeweiligen Gegenwart.
Dabei bedient sich die aneignende Vergegenwärtigung der Vergangenheit
bei den ‚bewährten‘ Praktiken und Rhetoriken der Kolonialisierung im
Raum. Die nach der Entdeckung der Tiefenzeit um 1800 einsetzende
Rekonstruktion längst vergangener, menschenleerer Welten kam nicht
ohne visuelle Anleihen bei Bildern von nicht-europäischen, aber vom
europäischen Kolonialismus und später Imperialismus ‚in Besitz‘
genommenen Erdteilen aus (Stoffel/Wessely 2020; Stoffel 2020). Die
Zeit war vornehmlich im Raum erfahrbar, und für die Vor- und
Darstellung menschenleerer geologischer Epochen diente in den
deutschsprachigen Ländern der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
bevorzugt Südamerika, von wo Alexander von Humboldt zu berichten
wusste, dass der Mensch inmitten einer wilden und gigantischen Natur
verschwinde, als Bildspender und Projektionsfläche. Für eine
Vorstellung der Lebenswelt der Steinzeit hingegen, die erst Mitte des
19. Jahrhunderts begrifflich ins geschichtliche Bewusstsein tritt,
stehen jene ‚Naturvölker‘ bereit, die eine Universalgeschichte
bereits stufenförmig um den Europäer herum geordnet hatte. Für
Friedrich Schiller, seine Zeitgenoss/innen und Nachfolger/innen
scheint „[e]ine weise Hand […] uns die rohen Volkstämme bis auf den
Zeitpunkt aufgespart zu haben, wo wir in unsrer eignen Kultur weit
genug fortgeschritten seyn, um von dieser Entdeckung eine nützliche
Anwendung auf uns selbst zu machen, und den verlornen Anfang unsers
Geschlechts aus diesem Spiegel wieder herzustellen“ (Schiller 1789,
11f.) Zunächst sind es die „nordamerikanischen
Hinterwäldler“ (Meldung zu den Pfahlbaufunden am Zürichsee aus der
Zürcher Freitagszeitung, 10. März 1853, zit. Trachsel 2004, 42), dann
die Papua Neuguineas und andere Pazifikbewohner/innen (Shah [im
Erscheinen]) und bis in die Gegenwart hinein die Aborigines
Australiens und diverse Völker Afrikas, die zur ‚lebenden Steinzeit‘
werden können, weil ihre Erforschung ihrerseits strukturell durch den
europäischen Kolonialismus und Imperialismus ermöglicht wird (bspw.
Flannery 1995; Lee/DeVore 1969).

Diesen Überschneidungen von räumlichen und zeitlichen kolonialen
(Welt-)Ordnungen sowie den Übertragungen ‚bewährter‘, gut erforschter
Praktiken und Rhetoriken der Kolonialisierung anderer, ‚fremder‘
Länder und Erdteile auf die Untersuchung, Imaginierung und
Instrumentalisierung der weit entfernten, aber auch der näheren
Vergangenheit möchte der Workshop am 17. und 18. März 2022 an der
Goethe-Universität Frankfurt am Main nachgehen.

Mögliche Themen sind:
- Versuch der Kartographierung bzw. Chronologisierung der kolonialen
 Raum-Zeit-Ordnung
- Beispiele für die ‚kolonialisierende‘ Erschließung einzelner
 Zeitepochen durch verschiedene am Projekt einer
 ‚Eroberung/Entdeckung der Vergangenheit‘ beteiligte Wissenschaften;
 die zu untersuchende Zeitspanne reicht von der Geschichte über die
 Ur- und Frühgeschichte bis tief hinab in die Erdgeschichte
- Die Rolle von Kolonialismus und Imperialismus für die Strukturen
 und Institutionen der Vergangenheitsforschung
- Die Funktion von Vergangenheit(en) in historischen und
 intellektuellen Dekolonisierungsprozessen
- Die Entdeckung der Vergangenheit und ihre (Re)konstruktion bzw.
 Imagination in Literatur, Bildender Kunst und anderen Medien
- Die Bedeutung der (tiefen) Vergangenheit für Alltagswelten der
 Gegenwart

Wir freuen uns über Vortragsvorschläge im Umfang von einer Seite bis
zum 15. September 2021 an Patrick Stoffel und Mira Shah.

Organisation:

Dr. Mira Shah
Goethe University Frankfurt am Main
Email: shah@lingua.uni-frankfurt.de

Dr. Patrick Stoffel
Leuphana University Lüneburg
Email: patrick.stoffel@leuphana.de